Warum sich unsere Urlaube immer ähnlicher anfühlen
Es gibt diese Szene: Februar, Küche, der Familienkalender hängt wie ein drohender Wetterbericht an der Wand. Einer holt den Laptop, jemand anders den Ferienplan der Schule, dritte Person murmelt etwas von Brückentagen. Man plant “die schönsten Wochen des Jahres”, als würde man eine SAP-Einführung koordinieren.
Im Hintergrund läuft vielleicht leise ein Tatort, in dem irgendwer ausbrennt. Am Tisch bucht sich währenddessen jemand in genau das System ein, das diesen Burnout erzeugt: “Erst richtig reinklotzen, dann weg.” Urlaub ist die Gewerkschaftspause des Kapitalismus.
Daraus ist eine besondere Form von Reisen entstanden. Nennen wir sie Fast‑Food‑Tourismus. Überall verfügbar, überall ähnlich, überall wird behauptet, es sei “regional”. In Barcelona die gleiche Kaffeekette wie in Berlin, auf Sylt dieselben Luxusmarken wie in München, in Lissabon die gleichen Insta‑Spots wie in Prag. Andere Hausfassade, gleicher Algorithmus.
Nicht, weil die Welt langweilig wäre. Bangkok hat andere Gespenster als Wien. Osaka träumt anders als São Paulo. Die Leute vor Ort haben andere Geschichten, andere Katastrophen, andere Witze pro Quadratkilometer. Die Traurigkeit liegt woanders: Man kann einmal um den Globus reisen und trotzdem nur die eigene innere Checkliste abarbeiten.
Fast‑Food‑Tourismus ist das, was passiert, wenn wir eine Stadt wie eine To‑Do‑Liste behandeln und Durchsatz mit Erfahrung verwechseln.
Der deutsche Urlaubsmythos
In Deutschland ist Urlaub keine Nebensache. Urlaub ist ein Grundrecht, ein Statussymbol und eine Reparaturwerkstatt für kaputte Nerven. Wer im Januar noch nichts gebucht hat, gilt in manchen Büros als Sicherheitsrisiko.
Typische Glaubenssätze:
-
“Dieses Jahr machen wir mal was ganz anderes.”
Meistens wird es dann die gleiche Region, nur ein Ort weiter. -
“Hauptsache raus.”
Egal wohin, Hauptsache weg von dem Leben, das man sich den Rest des Jahres eingerichtet hat. -
“Wir wollen was erleben.”
Was genau, bleibt oft erstaunlich unklar. Wichtig ist nur, dass am Ende genug erzählbarer Stoff für die Kaffeeküche übrig ist.
Urlaub ist damit nicht einfach eine Pause. Er wird zu einer Prüfung: War das Ganze “erholsam genug”, um das vorherige Leid und den nächsten Jahresendspurt zu rechtfertigen?
Wenn die Antwort unsicher ist, beginnt das Schönreden.
Die Erlebnis-Fertigungslinie
Ein Teil des modernen Tourismus fühlt sich an wie eine Autofabrik, nur dass statt Karosserien Menschen durchlaufen. Erst Schlange, dann Scan, dann Sicherheitskontrolle, dann Highlight im Takt, dann Ausgang durch den Shop, dann Transfer.
George Ritzer hat für diese Logik den Begriff McDonaldisierung geprägt: Effizienz, Berechenbarkeit, Kalkulierbarkeit, Kontrolle 2 . Man könnte auch sagen: die vier apokalyptischen Reiter des Pauschalurlaubs.
Tausche Burger gegen Sehenswürdigkeiten und du erkennst die Struktur:
- Vor dem Einlass steht jemand mit Handy oder Scanner, der darüber entscheidet, ob du “dran” bist.
- Drinnen folgt ein klarer Pfad: gucken, staunen, Foto, weiter.
- Am Ende kommt ein Shop, den niemand wollte und trotzdem alle durchqueren.
Dieses Interface kannst du überall spielen: Altstadt in Lissabon, Schloss Neuschwanstein, Berliner Fernsehturm, Fjord in Norwegen, Vatikanmuseum in Rom. Der Ablauf bleibt gleich. Nur die Temperatur und die Sprache ändern sich.
Der britische Soziologe John Urry hat dafür den Begriff “tourist gaze” geprägt: Wir reisen mit einem bestimmten Blick im Kopf, der uns sagt, was “sehenswert” ist und wie man sich als Tourist so benimmt 1 . Wir kommen nicht leer an. Wir bringen eine innere Schablone mit, die vorgibt, was zählt.
Fast‑Food‑Tourismus ist die Industrialisierung dieser Schablone. Happy Path, global ausgerollt.
Beweis statt Begegnung
Man könnte annehmen, das Produkt sei der Ort. In Wirklichkeit ist das Produkt oft der Beweis, dass wir dort waren.
Es gibt zwei Hauptkanäle dafür:
- Social Media, WhatsApp‑Status, die Urlaubspost im Familienchat.
- Der mündliche Bericht nach der Rückkehr: “Und, wie war’s?”
Instagram, TikTok und Co belohnen das Lesbare, nicht das Bemerkenswerte. Der Algorithmus mag die Postkartenperspektive: Sonnenuntergang, Rooftop‑Bar, Altstadtgasse mit Lichterkette. Er belohnt das Motiv, das bestätigt, was man schon erwartet.
Zwanzig Minuten auf einer unspektakulären Parkbank sitzen und das Viertel beobachten, bringt keine Reichweite. Niemand liked deinen Blick auf den Supermarktparkplatz, obwohl du dort mehr über die Stadt lernst als am nächsten “Viewpoint”.
Die Szene ist bekannt: Man steht irgendwo auf einem Berg in Südtirol, in Lissabon am Miradouro, auf einem Aussichtspunkt in Tokio. Die Leute sind länger damit beschäftigt, das Foto auszurichten als den Blick. Der Moment wird nicht erlebt, er wird vorbereitet.
Wenn sich ein Urlaub erst dann real anfühlt, wenn andere ihn beglaubigen, war man nicht ganz anwesend.
Inszenierte Echtheit
Deutsche wollen Authentizität. Allerdings bitte planbar und stornierbar.
Wir hassen “Touristenfallen”, lehnen “so Malle‑Publikum” ab, betonen, dass wir “nicht nur am Strand liegen”. Wir sind selbstverständlich ganz anders unterwegs als diese anderen da. Gleichzeitig buchen wir “Original Tiroler Abend”, “typischen Fado‑Abend” oder “Dinner bei der einheimischen Familie”.
Dean MacCannell hat das in den 70ern schon ziemlich genau beschrieben: Touristen suchen “Backstage‑Bereiche”, die sie für echter halten. Und touristische Angebote bauen dann absichtlich Kulissen, die so wirken, als sei man hinter die Bühne gerutscht, obwohl man auf einer extrem gut beleuchteten Vorderbühne sitzt 3 .
Beispiele:
- Die Dorfkneipe, in der jeden Mittwoch “spontan” Volksmusik stattfindet.
- Der Fischer, der “eigentlich gar keine Touren macht”, aber zufällig jeden Tag zwei kleine Gruppen mitnimmt.
- Die “Marktfrau”, die in perfektem Englisch erklärt, wie “wir hier” leben, und dabei kaum noch Zeit zum Verkaufen hat.
Das Gemeine daran: Diese Momente können sich total echt anfühlen. Das Nervensystem unterscheidet nicht sauber zwischen echter Spontanität und geprobter Spontanität. Kontakt ist Kontakt.
Sich authentisch zu fühlen ist nicht dasselbe wie eine authentische Situation zu erleben. Aber das Gefühl ist real, und deshalb ist die Maschine so stabil.
Skimming: viel gesehen, wenig erlebt
Ein Klassiker des deutschen Reisestils ist das Durchziehen.
“Wir haben in acht Tagen gemacht: Rom, Neapel, Amalfi, Capri.”
Das klingt nach Abenteuer. Oft war es schlicht zu viel.
Die Regel ist einfach: Wenn du fünf “intensive” Programmpunkte an einem Tag hast, war keiner davon intensiv. Du hast fünf Oberflächen angetippt und hoffst, dass dein Kopf daraus später Tiefe baut.
In der Museumsforschung gibt es seit Jahren den Begriff “Museum Fatigue”: Je mehr man in kurzer Zeit reinpackt, desto stärker sinken Aufmerksamkeit und Aufnahmefähigkeit 6 . Das Gehirn macht irgendwann dicht. Es wechselt in den Modus “groß, beeindruckend, voll”. Feinheiten fallen hinten runter.
Dem System ist das egal. Der Reisekatalog verkauft dir zehn Sehenswürdigkeiten pro Tag, die Stadtmarketing‑Abteilung braucht Fotos, und “man war ja nicht für nichts hier”.
Eine Stadt ist kein All‑You‑Can‑Eat‑Buffet, bei dem man möglichst viele Teller schaffen muss, um das Geld zu rechtfertigen.
Warum wir uns den Stress schönreden
Fast‑Food‑Tourismus passt perfekt zum menschlichen Hang, sich das eigene Verhalten hinterher schönzureden.
Leon Festingers Theorie der kognitiven Dissonanz sagt im Kern: Wenn unser Handeln nicht zu unseren Überzeugungen passt, erzeugt das unangenehme Spannung. Wir reduzieren sie, indem wir die Geschichte anpassen 4 .
Ein bekanntes Experiment dazu stammt von Aronson und Mills: Wer eine besonders unangenehme Aufnahmeprüfung über sich ergehen lassen musste, fand die Gruppe hinterher toller. Je größer der Aufwand, desto rosiger die Bewertung. Das nennt sich “Effort Justification” 5 .
Urlaub ist voll von Aufwand: Frühbucherpanik, Geld, Stau, Zugausfälle, Nieselregen, Kinder, die auf der Rückbank streiten, Flughafenchaos, Sonnenbrand, Magen‑Drama am dritten Tag.
Je höher der Einsatz, desto schwerer fällt der Satz: “Das war objektiv ziemlich mittel.”
Also hört man am Ende häufig:
- “Das Wetter war zwar schlecht, aber wir haben das Beste draus gemacht.”
- “Das Hotel lag direkt an der Straße, aber wir waren ja eh kaum im Zimmer.”
- “Die Stadt war extrem voll, aber man muss das halt einmal gesehen haben.”
Das ist kein moralischer Makel. Das ist Standardbetrieb. Man könnte sagen: Selbstbetrug ist die Hausmarke unseres Denkapparats.
Die minimale Ehrlichkeit wäre, sich selbst nicht auszunehmen. Nicht zu glauben, man sei rationaler als der Rest der Menschheit, nur weil man Heiner Geißler gelesen hat.
Touristmodus und Gastmodus
Wenn sich Wien, Valencia und Vilnius irgendwann ähnlich anfühlen, gibt es zwei Möglichkeiten.
Variante eins: Du bist weltabgeklärt und über den Reiz des Neuen hinaus.
Variante zwei: Du benutzt überall den gleichen Modus.
Touristmodus funktioniert in etwa so:
- Die Wahrnehmung folgt der Checkliste.
- Der Ort ist Kulisse für eine private Selbstinszenierung.
- Wichtig ist, wie gut sich die Geschichte später erzählen lässt.
Gastmodus ist leiser. Er fragt:
- Wie riecht hier der Alltag.
- Wie reden Menschen miteinander, wenn gerade keine Touristen zuhören.
- Was passiert an einem Mittwochabend im Februar, wenn kein Festival ist.
Man kann John Urry hier entspannt mitnehmen: Unser touristischer Blick ist sozial geformt 1 . Wir können ihn nicht abschalten, aber wir können ihm Konkurrenz machen, indem wir einen zweiten Blick kultivieren: den einer Person, die zu Gast ist, nicht in einer Show.
Touristmodus ist Durchsatz. Gastmodus ist Beziehung.
Im Touristmodus treffe ich die Stadt als Produkt. Im Gastmodus treffe ich sie als Gastgeberin, mit all ihren Merkwürdigkeiten.
Gastmodus auf deutsch
Gastmodus braucht keine Esoterik und keinen Retreat im Kloster mit Handyverbot. Er braucht Luft in der Planung.
Ein paar schlichte Hebel:
- Ein Anker pro Tag statt fünf. Ein Viertel, ein Museum, ein See, ein langer Spaziergang. Der Rest ist Puffer.
- Essen, wo man Hunger hat, nicht wo vor drei Jahren jemand mit 200.000 Followern einen Burger fotografiert hat.
- Ein Ort, den man zweimal besucht: Bäckerei, Kiosk, Café, Parkbank. Zwischen “einmal” und “zweimal” liegt der Übergang vom Konsument zum bekannten Gesicht.
- Mindestens ein Gang durch den Supermarkt. Wer wissen will, wie eine Gesellschaft wirklich lebt, schaut sich nicht das Rathaus an, sondern die Kühltheke.
Man läuft lang genug durch eine Stadt, bis die Kulisse kippt. Irgendwann sieht man nicht mehr nur “Altstadt”. Man sieht Lieferverkehr, Müllzeiten, Schulwege, Fahrradständer, Spielplätze, Orte, an denen sich niemand fotografiert.
Der Unterschied zwischen Tokio und Bochum liegt nicht nur in Skyline und Tempeln. Er liegt darin, wie Leute in der U‑Bahn übereinander reden, wie sich Schlangen bilden, wie oft jemand “Sorry” sagt, wenn er dich anrempelt.
Gastmodus heißt: Der Ort darf auch langweilig sein. Und du bleibst trotzdem.
Zwei kleine Schrauben, die viel ändern
1. Ein Satz als Reisezweck
Nicht “Wir fahren nach Portugal.” Das ist eine Geokoordinate, keine Absicht.
Sondern etwas wie:
- “Ich will eine Woche lang ausschlafen.”
- “Ich will viel laufen und wenig reden.”
- “Ich will Zeit mit Person X, ohne Termine und ohne Mails.”
- “Ich will mich durch eine Stadt essen, ohne dabei mein Konto zu zerlegen.”
Wenn du das nicht klar sagen kannst, übernimmt das System. Kataloge, Bewertungsportale und Städtebüros haben eigene Ziele. Die haben selten etwas mit deinem Nervensystem zu tun.
2. Der Kein‑Beweis‑Test
Frage bei der Planung:
Wenn ich keine Fotos posten könnte und niemand je erfährt, dass ich dort war, würde ich das trotzdem so machen?
Keine Story, kein Content, keine “Und, wo warst du dieses Jahr?"‑Show.
Wenn sich dann eine Station deines Plans plötzlich überflüssig anfühlt, ist sie es wahrscheinlich schon länger. Sie war nur für die Außenwirkung drin.
Urlaub ohne Tiefkühlgeschmack
Fast‑Food‑Tourismus will dich beschäftigt, leicht beeindruckt und angenehm erschöpft. In diesem Zustand hinterfragst du weder das Produkt noch die Struktur, in der es verkauft wird.
Du brauchst kein spektakuläreres Reiseziel. Du brauchst eine ehrlichere Antwort auf die Frage: Wozu fahre ich überhaupt weg.
Ruhe reicht als Grund. Neugier reicht. “Ich halte mich zu Hause gerade nicht aus” reicht auch.
Problematisch wird es erst dort, wo Beweis und Erfahrung ineinander fallen. Wenn die Quittung wichtiger wird als das, was sie belegt.
Ab da ist Urlaub wie Tiefkühlpizza: Man wird satt. Nenn es nur bitte nicht Küche.
Quellen
- 1 John Urry, The Tourist Gaze: Leisure and Travel in Contemporary Societies (Sage, 1990).
- 2 George Ritzer, “The McDonaldization of Society” (Essay, 1983).
- 3 Dean MacCannell, “Staged Authenticity: Arrangements of Social Space in Tourist Settings”, American Journal of Sociology, 1973.
- 4 Leon Festinger, Überblick zu kognitiver Dissonanztheorie.
- 5 Elliot Aronson und Judson Mills, “The Effect of Severity of Initiation on Liking for a Group” (Journal of Abnormal and Social Psychology, 1959).
- 6 Stephen Bitgood, “Museum Fatigue: A Critical Review” (Visitor Studies, 2009).